Die Sonnenfinsternis am 29.03.2006 an der türkischen Riviera

Dieser Artikel ist auch in der -Ausgabe 2/2006 erschienen.

Nach der bewölkten und zum Teil verregneten Sonnenfinsternis 1999 mussten die Sternfreunde 2422 Tage auf die nächste günstige Gelegenheit zur Beobachtung einer totalen Sonnenfinsternis warten. Bereits damals hatten viele den 29.03.2006 im Visier - auch die Mitglieder der Volkssternwarte Hattingen.

Im Mai 2005 wurde die Idee zu einer gemeinsamen Reise wieder aufgenommen. Es begann die konkrete Planung und letztlich entschieden sich die Reisewilligen für eine einwöchige GTI Pauschalreise an die türkische Riviera. Der Zielort örensehir, 30 km südlich von Manavgat, lag recht nahe an der Zentrallinie und bot eine Totalitätsdauer von 3:26 Minuten.

Am 25.03. bestiegen fünf Mitglieder der Volkssternwarte Hattingenmit reichlich visueller und fotografischer Ausrüstung das Flugzeug in Richtung Türkei, ebenfalls mit an Bord vier Frauen und eine Tochter. Nach den Wetterberichten der Vorwoche, die für das östliche Mittelmeer Bewölkung, Regen und kühle Temperaturen meldeten, kamen erste Zweifel auf, ob die türkische Riviera wirklich die richtige Entscheidung war. Und auch der wolkenverhangene Himmel über Antalya stimmte nach der Landung nicht gerade optimistisch. Am nächsten Morgen präsentierte sich der Himmel über der Küste dann jedoch in strahlendem, wolkenlosen Blau und es kam erste Zuversicht auf, die das Wetter dann mit jedem Tag steigerte.

Die Tage bis zur Finsternis wurden mit kleinen Ausflügen überbrückt und der meist klare Nachthimmel lud zum "Spechteln" ein. Zum einen galt es die Himmelsbereiche in Augenschein zu nehmen, die man von Mitteleuropa aus nicht sehen kann, zum anderen machte es einfach Spaß an dem viel dunkleren Himmel Objekte mit dem Feldstecher ohne großen Suchaufwand zu entdecken, die im lichtverschmutzten Ruhrgebiet selbst im Teleskop schwierig zu finden sind.

Eine auffällige Randerscheinung war die Tatsache, dass es in den Orten, die wir besuchten, keinerlei SoFi-Souvenirs gab. Weder T-Shirts noch Aufkleber oder Postkarten zur Sonnenfinsternis waren zu finden. Lediglich ein phantasielos und langweilig gestaltetes T-Shirt und ein paar Fotos der totalen Verfinsterung in einem Fotoladen wurden am Tag nach der Finsternis in Side angeboten.

Am Dienstag, den 28.03., stand ein letzter Ausrüstungstest auf dem Programm. Als Beobachtungsstandort war schon in den Tagen vorher eine Wiese direkt am Strand ausgewählt worden. Funktionieren die geplanten Teleskop-Kamera-Kombinationen und bringen sie die gewünschten Ergebnisse? Beim Testen zeigte sich dann auch ein Vorteil der Arbeit in der Gruppe: Es wurde noch einmal Zubehör ausgetauscht, gemeinsam wurden Optimierungen entwickelt und nach einigen Stunden stand das Setup für den nächsten Tag:
- ein 80/500-Fraunhofer-Refraktor mit einer Nikon Coolpix 950 für afokale Fotografie mit 32 mm-Plössl,
- ein 102/1300-Maksutov mit Spiegelreflexkamera (Dias),
- eine 90/500-"Russentonne" mit Spiegelreflexkamera (Papierbilder),
- eine DigiCam "direkt auf den Himmel" und
- eine Sony DV-Kamera für den kompletten Verlauf der Finsternis.
Außerdem sollte eine weitere DV-Kamera auf einem Stativ in den Minuten vor, während und nach der Totalität die Reaktionen der Beobachter festhalten. Nun musste nur noch das Wetter mitspielen!

Auch am Mittwoch morgen bot sich ein strahlend blauer Himmel mit ein paar wenigen Cirruswolken, die aber keine wirkliche "Bedrohung" darstellten. Vom Wetter her konnte also nichts mehr schiefgehen! Da sich einige der Sternfreunde, die im selben Hotel untergebracht waren, noch näher an die Zentrallinie begeben hatten, waren nicht so viele Beobachter vor Ort und es gab für jeden ausreichend Platz sich auszubreiten ohne anderen in die Quere zu kommen. Ab 10 Uhr begann man mit dem Aufbau des Equipments und danach blieb noch genügend Zeit bis zum 1.Kontakt um sich auf das kommende Ereignis einzustimmen. (An dieser Stelle ein Dank an unsere Frauen, die uns während der gesamten Zeit toll mit Essen und Getränken versorgten.)

Um 12:38 Uhr Ortszeit (OESZ) dann endlich der viel bejubelte 1.Kontakt! Sofort beginnt ein reges Treiben und die ersten Fotos werden gemacht. Danach kehrt wieder eine gewisse Ruhe ein. Ab ca. 50% Bedeckung setzt eine deutliche Abkühlung ein, die nicht nur am auffrischenden Wind liegt, und es wird umso kühler, je näher der 2.Kontakt rückt. Irgendjemand hat eine Abkühlung um 16C für den gesamten Finsternisverlauf gemessen.

Etwa fünf Minuten vor dem 2.Kontakt werden die Aktivitäten der Beobachter wieder hektischer, es erfolgen die allerletzten Vorbereitungen für die Aufnahmen der totalen Verfinsterung. Es ist inzwischen so dunkel wie in der Abenddämmerung geworden. Um 13:55 Uhr dann der 2.Kontakt! In den Sekunden davor leuchtet ein herrlicher Diamantring auf und in den Suchern der Spiegelreflexkameras bzw. auf den Displays der DigiCams sind bereits jetzt deutliche Protuberanzen zu erkennen. Es wird noch einmal deutlich dunkler. Eine ungewöhnliche Geräuschkulisse aus begeisterten Ausrufen, Jubel, Händeklatschen und Klicken der Kameras kommt auf.

Dann ist jeder nur noch mit sich selbst, seinen Fotos und der eigenen Beobachtung mit bloßen Auge, Feldstecher oder Teleskop beschäftigt. Die Korona ist zwar wegen der zurzeit geringen Sonnenaktivität nicht ganz so weit ausgedehnt, wie man es auf Fotos früherer Finsternisse schon gesehen hat, aber trotzdem beeindruckend. Venus ist hell und deutlich zu sehen. Zwischendurch immer wieder eine Zeitansage, wie lange die Verfinsterung noch andauert. Nach 3:26 Minuten Totalität noch einmal ein schöner Diamantring. Danach wird es schlagartig wieder heller und auf einem ausgebreiteten Bettlaken sind sogar noch fliegende Schatten zu erkennen.

Noch einmal brandet Jubel über die tollen Eindrücke auf und man sieht zufriedene Gesichter, wohin man schaut. Die Sonnenfinsternis war perfekt gelaufen und eine gewisse Erleichterung setzt ein. Einige Beobachter fotografieren auch noch die Phasen bis zum 4.Kontakt um 15:13 Uhr, aber das geschieht irgendwie "nur noch nebenbei".

In den anschließenden Gesprächen danach betonten vor allem diejenigen, die zum ersten Mal erfolgreich eine Sonnenfinsternis erlebt haben, wie beeindruckend dieses Naturschauspiel ist. Obwohl man aus Berichten zuvor schon jede einzelne Phase kannte, über jede Reaktion der Natur informiert war und viele Fotos der verfinsterten Sonne gesehen hat, war das Live-Erlebnis unglaublich intensiv und mit Sicherheit unvergesslich.

Michael Maucksch




Der Diamantring kurz vor dem 2.Kontakt (Foto: M. Maucksch)




2.Kontakt mit deutlichen Protuberanzen (Foto: M. Maucksch)




Innere Korona mit Protuberanzen (Foto: M. Maucksch)




Mittlere Korona (Foto: M. Maucksch)




Äußere Korona (Foto: M. Maucksch)





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